Juden und Antisemitismus

Wir sind stark daran erinnert worden, daß wir Untergetauchte sind, gefesselte Juden, gefesselt an den Fleck, ohne Rechte, aber mit tausend Pflichten. Wir Juden dürfen unseren Gefühlen nicht folgen, müssen mutig und stark sein, müssen unser Schicksal ohne Murren auf uns nehmen, müssen tun, was in unserer Macht liegt, und auf Gott vertrauen. Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch wohl aufhören, einmal werden wir auch wieder Menschen und nicht allein Juden sein.

Das Tagebuch der Anne Frank

Zur Geschichte des Antisemitismus

In der römischen Antike stehen die Juden mit ihren Riten und Vorschriften außerhalb der römischen Herrschaft und Zivilisation. Die Spannungen führen zum Krieg aus. Die Römer verwüsten weite Teile Palästinas und brennen 70 den jüdischen Tempel in Jerusalem nieder. Nach dem Untergang ihres Staates verstreuen sich die Juden, sammeln sich in kleinen Gemeinden und halten dort fest zusammen.

Im frühen Mittelalter kennt das Zusammenleben von Juden und Christen keine grundsätzlichen Probleme. Ein geschlossenes Kollektiv sind die Juden nur wegen ihrer Religion. Demgemäß stammen die ersten antisemitischen Hassgesänge von christlichen Theologen. Die Juden leben nach eigenem Recht. Jüdische Kultur und Gelehrsamkeit erleben in den Städten bis zum 11. Jahrhundert eine Blütezeit.

1007 findet ein erstes Judenpogrom statt. Die Christen begreifen sich selbst als abendländisches Gottesvolk und die Juden daher als Anführer des Teufelsvolks. Die Juden verändern notgedrungen ihren Alltag. Als Brunnenvergifter, Kindsmörder und Hostienschänder werden sie verfolgt und ermordet. Das Laterankonzil von 1215 stellt die Rechtlosigkeit der Juden fest und erlässt besondere Kleidervorschriften. Daneben dürfen Juden gegen Entgeld unter dem Schutz der Staatsmacht leben, obschon damit nicht automatisch in Sicherheit. Seit dem 13. Jahrhundert werden die Juden aus vielen Berufen verdrängt. Sie organisieren in der Folge den den Christen verbotenen Geldhandel. Die Pestepidemie von 1349 bringt eine Verfolgungswelle gegen die Juden hervor. Wer der Ermordung entgeht, wandert vor allem nach Osteuropa aus. Wenige Jahre später sehen sich die Städte aus ökonomischen Gründen veranlasst, Juden wieder aufzunehmen. Dabei unterliegen die Juden stets besonderer Behandlung, z.B. durch ihr Leben in Ghettos.

Im 17. Jahrhundert werden Juden in Preußen streng selektiert. Ihnen ist der Handel mit Waren und Geld am Wohnort gestattet. Daneben besteht eine Kollektivhaftung bei Gesetzesübertretungen oder Geschäftsverlust.

Mit der Französischen Revolution erleben die Juden im Zuge der Aufklärung eine Zeit relativer Freiheit und Emanzipation. Nachdem Frankreich in Europa seinen Einfluss verliert, kommt es zur erneuten Entrechtung der Juden. Im Zuge der bürgerlichen Revolution von 1848 werden zwar Schritte zur Gleichberechtigung angekündigt, jedoch kaum in die Praxis umgesetzt. Die industrielle Frage verschärft das Aufkommen des Antisemitismus. Hinzu kommen scheinbar wissenschaftliche Begründungen für die angebliche Minderwertigkeit von Juden.

Die Situation der Juden in Deutschland eskaliert im Nationalsozialismus. Sie werden ihrer Rechte beraubt, verfolgt, in Konzentrationslager deportiert und ermordet. 6 Millionen europäische Juden fallen den Faschisten zum Opfer.

Auch heute ist der Antisemitismus ist mitten unter uns – latent und manifest. Jüdische Friedhöfe werden so viel geschändet wie noch nie in der Geschichte der BRD. Im ehemaligen KZ Buchenwald schmieren Unbekannte Hakenkreuze und werfen Steine auf ein Fenster des Museums. Die Zahl antisemitischer Taten insgesamt ist deutlich angestiegen. Ältere Mitglieder jüdischer Gemeinden überlegen bereits, ob sie – wie nach dem Machtantritt der Deutschen Faschisten – wieder von deutschem Boden flüchten müssen. Auch ihr Präsident weiß darauf keine Antwort. Vielmehr stellt sich Paul Spiegel heute selbst wieder die Frage, „ob es richtig war und ist, jüdische Gemeinden in Deutschland wieder aufzubauen.“

“Wer ein Haus baut, will bleiben.“ hat Ignatz Bubis gesagt. Doch wenn der Wille, als Jude in der BRD zu bleiben, allein nicht mehr reicht? Es geht auch um Lebensqualität oder anders formuliert: „Es ist nicht die Frage, ob wir hier leben, es ist die Frage, wie wir hier leben.“ (Heuberger).

Gedenkstunde zur
Reichspogromnacht vom November 1938
am 10.11.1998

 

„Aber ich schreibe weiter. Das ist mein Heldentum. Ich will Zeugnis ablegen, und exaktes Zeugnis! (…) das Tagebuch werde ich weiter wagen. Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.“

Viktor Klemperer

Alltagserfahrung Faschismus

1

Tanja und ich saßen im grauen Märzlicht in der Küche und spielten Siebzehnundvier um Streichhölzer. Plötzlich stand Tanja auf, schnappte nach Luft und zeigte auf die Stiegen vor dem Fenster. Zwei Gestapomänner in Uniform und ein dritter Mann in einem Zivilmantel mit Gürtel, aber mit schwarzen Reithosen und hohen schwarzen Stiefeln wie die anderen, kamen die Treppe hoch. Tanja hielt den Finger an die Lippen und flüsterte mir zu, schleunigst ins Schlafzimmer zu laufen, die Tür offen zulassen und mich dahinter zu verstecken. (…) Falls die Männer sie mitnähmen oder auf das Schlafzimmer zugingen und sie einen Schrei ausstoßen würde, sollte ich sofort das Zyanid nehmen. (…)

Sie prüften Tanjas Papiere und sahen sich in der Küche um. (…) Dann redeten sie noch einen Moment hin und her, und dann hörte ich sie gehen (…).

Tanja blieb in der Küche, bis die Schritte sich entfernt hatten. Ich hatte mich in meinem Versteck hinter der Tür nicht gerührt; die Kapsel hielt ich noch in der Hand. Dann stürzte sie plötzlich ins Zimmer und sagte, beeil dich, wir müssen sofort weg.

Louis Begley: Lügen in Zeiten des Krieges. S. 99

2

Rechte verprügeln zwei Iraker (…)

Sechs rechtsgerichtete Jugendliche haben (…) in Magdeburg zwei irakische Asylbewerber mit ausländerfeindlichen Parolen beschimpft und sie zusammengeschlagen. Die 18- und 22-jährigen Ausländer mußten ambulant behandelt werden (…). Die Polizei geht von einer politisch motivierten Straftat aus. Die Schläger wurden festgenommen.

taz. 3. November 1998

Leben im Ghetto

3

Am Anfang gingen nur meine Schwester Dora und mein Bruder Jozek rüber auf die andere Seite. Später bin ich auch rüber gegangen. Ich war damals klein, da haben sie nicht so sehr auf mich geachtet. Ich hatte so ein Loch im Zaun, und da habe ich immer die Ware rein geschoben. Manchmal musste ich lange warten und konnte nicht ins Getto zurück. Wenn ein böser Polizist da war, fing er die Kinder und schlug sie blutig. (…) Die Kinder, die nicht rüber konnten, waren schrecklich hungrig. Sie lagen in Reihen auf der Straße – tote und lebendige Kinder. Die Toten waren mit Papier bedeckt. Man ging einfach über die Leichen. Die Lebendigen schrien nach Brot, aber niemand hat darauf geachtet, weil alle hungrig waren.

Marysza Szpiro

4

Nur ein Gedanke in allen Köpfen: bloß durchkommen. Am Ende der Straße steht ein Zivilist mit einer Peitsche in der Hand, daneben ein dicker Deutscher. Die Vierergruppen werden mit der Peitsche durchgezählt. Manchmal verharrt die Peitsche etwas länger, und dann erstarrt alles beim Befehl „Halt“. Der Deutsche untersucht den Inhalt eines zu großen Rucksacks, zieht eine Frau oder einen Alten aus der Reihe. Dann wird die Lücke von einem Nachrückenden geschlossen – „weiter“. Der Deutsche reißt ein Kind von der Hand einer jungen Frau. Sie zögert einen Moment, streckt die Hände nach dem Kind aus – sie könnte bei ihm bleiben. Da geht die Mutter mit abgewendetem Kopf ohne ihr Kind weiter.

Stefania Staszewska
Archiv des Warschauer Gettos. In: FR 19. April 1993

 

5

(…) Ach Warschau, das tut weh

Wie da die Stadt der Juden eingemauert vegetierte hinter Stacheldraht

Vor meinen Augen ging’s zugrund, ging ein, schmolz hin wie Schnee (…)

Jetzt bist du leer von all dem Leben, ausgehöhlt, so gottverlassen leer

Ein wüstes Gräberfeld, die Stadt ein einzig Grab, ein umgestoßner Stein

Die Straßen sind wie ausgestorben, nicht mal Leichen sieht man mehr

Die Häuser offen, doch kein Mensch kommt raus und keiner geht noch rein

Zuerst warn Kinder dran mit Sterben. Waisenkinderchen, verlassne Brut

Sie warn das Liebste, Schönste, was die finstre Erde je gebar. Aus ihrem Angesicht

Aus diesen Waisenkinderchen hätte uns erwachsen können Lebensmut

Aus diesen traurigdüsteren Gesichtchen hätte uns gestrahlt ein Morgenlicht (…)

Als es ans Sterben ging, warn sie die ersten. Als der Tod zu seinem Schlachtfest fuhr

Warf man auf Wagen sie, wie’n Haufen Dreck. Die Ärmchen schwach, doch stark

Die Seelchen. Weggeschleppt und feige umgebracht, blieb nicht die kleinste Spur

Von meinen Liebsten. Weh ist mir, wund bin ich und verwüstet bis ins Mark.

Jizchak Katzenelson:
Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. S. 79, 83

6

Ziel der Rechten sind „national befreite Zonen“ (…)

Rassismus in Ostdeutschland mitten in der Gesellschaft (…)

Der Begriff der „national befreiten Zonen“ sei inzwischen Lebensalltag im Osten der Republik (…). In kleineren Kommunen, (…) hielten Gruppen von 30 bis 40 jungen Männern mit Kurzhaarschnitt, Springerstiefeln und rechten Symbolen an der Bomberjacke Jugendclubs, Bahnhöfe, Tankstellen oder Marktplätze besetzt.

Meist genüge ihre bloße Anwesenheit, um „linke Zecken“, so der rechte Jargon, oder Ausländer fernzuhalten (…). Andernfalls sei das drohende Balancieren eines Baseballschlägers ausreichend. Vor allem am Wochenende und abends terrorisierten die mit Autos und mobilen Telefonen ausgerüsteten rechten Jugendlichen ganze Stadtviertel. (…)

Frankfurter Rundschau 3. März 1998

Deportation

7

Auf dem Platz waren fast 20 000 Menschen eingekesselt. (…) Plötzlich schüttelt meine Mutter mich am Handgelenk: „Hör zu, Kind, wenn die Deutschen dich freilassen, und mich in den Waggon nehmen, geh‘ nicht mit mir, du bist jung, du musst leben, und ich bin schon alt, 40 Jahre alt und krank, aber du musst leben …“

Plötzlich zeigte ein Deutscher auf mich: „Du, Mädchen“ – ich sollte aufstehen. (…) Mit Entsetzen sah ich auf seine Hände – er schickte alle nach links. All‘ diese schönen, großen Mädchen sollten auf den Umschlagplatz. Und ich war klein, verheult, schmutzig, mit einem großen Rucksack … Und trotz allem hoffte ich „rechts“ zu hören, wollte leben, leben, leben … Langsam hob er die Hand, die linke Hand, ich erstarrte vor Angst, also doch links? Ich sah ihm in die Augen, er blickte auf mich, und die Hand zeigte nach rechts. (…). Mein Herz hämmert, meine Beine zittern. Ich lebe, lebe. Ich lief ein paar Schritte, und plötzlich fällt das Glücksgefühl von mir ab: Und Mama?

Stefania Staszewska
Archiv des Warschauer Gettos. In: FR 19. April 1993

8

Dann sah er die Augen eines jüdischen Greises, der am Ende eines Menschenzuges zur Zwangsarbeit ging. Es war ein ausgeprägtes Gelehrten Gesicht. Ein Leid stand darin, wie Hans es noch nie gesehen hatte. Ratlos griff er nach seinem Tabaksbeutel und drückte ihn dem Alten heimlich in die Hand. Nie würde Hans den jähen Anflug von Glück vergessen, der in diesen Augen erklomm.

Inge Scholl: Die Weiße Rose. S. 46

9

Erneut chinesischer Dissident verurteilt (…)

Der chinesische Dissident Chen Zengxiang ist unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dies teilte seine Mutter gestern mit. Chen war vor fünf Monaten festgenommen worden. Kontakt zu Anwälten wurde ihm Untersagt. Der 44jährige Chen begann vor 20 Jahren, sich für die Demokratisierung Chinas einzusetzen.

taz. 2. November 1998

KZ

10

Warum nicht schon heute, Mengele? Warum müssen wir noch einen vollen Tag diese Qualen aushalten? Nimm uns doch schon heute mit! Komm mein Kleines, wir werden die letzten Stunden ganz eng zusammen sein. Dein kleiner Körper ist schon ganz blau und wund, aber wir müssen beide bis morgen durchhalten. Ich habe keine Tränen mehr. Morgen gehen wir zusammen ins Gas, mein Kind. Morgen kommt uns Mengele holen. (…) Atmest du noch, mein Kind? Ich muss weiter weinen – morgen gehe ich ins Gas. (…) Alles in mir bäumt sich auf. Ich will LEBEN! LEBEN! Bin ich wahnsinnig? Warum schreie ich? Ich kann aber nicht anders. Ich muss schreien, morgen werde ich nicht mehr schreien können. (…)

Nach einiger Zeit war ich kraft- und willenlos. Ich beging die Tat. Ja, ich tötete mein eigenes Kind. Ja, Herr Dr. Mengele, sie haben mich zur Kindesmörderin gemacht. Ich habe mein eigenes Kind gemordet. (…)

Unsere letzte Nacht zusammen, mein Kind. Warum habe ich das bloß getan? Vielleicht hättest du noch leben können, du atmest nicht mehr, mein Kind. Vielleicht bist du endlich von den Qualen deines so kurzen Lebens befreit? Hast du sehr gelitten? Mein Kind, nun ist alles vorbei. (…) Wie werde ich mit dieser Last leben können? Ich will nicht leben. Will ich leben? Nein, ich will nicht mehr leben.

Draußen fängt ein neuer Tag an. (…) Warum darf ich nicht mit dir gehen? Ich will nicht hierbleiben. (…) Man hat dich von mir fortgenommen, und ich muss hierbleiben, alleine, ohne dich. Ich muss weiterleben. Leben? Wofür? Für wen? Ich habe doch niemanden. Noch vor kurzen Augenblicken habe ich dich gehabt. Nun bist auch du fort. Ich habe keine Tränen mehr. Eine Stumpfheit überkommt mich.

Ruth Elias: Ich will leben. S. 270f

Widerstand

11

Was für ein Volk! das sich wie eine Kälberherde treiben lässt

Zur Schlachtbank, was für’n Volk! Wie wackelten die Köpfe da:

Weh über solch ein Volk, das muß von dieser Erde wohl

Vertilgt sein, weil es sich nicht selber retten kann

Ich hab mich umgeschaut und sah grad wie man einem Jud

Von seinen magren Schultern einen Sack herunterzerrt

Da fing der Sack zu weinen an … es war ein Kind!

Ein Judenkind. Ein Polizist kommt angerannt, er kriegt

’nen Wutanfall. Er sucht den Vater, dem der Sack gehört

Los, zeig mir, wer dein Papa ist! Der Kleine aber plärrt

Nicht los. Er starrt, verrät sich nicht, mit keinem Wort

Er sieht durch seinen Vater durch – und er erkennt ihn nicht

Der Kleine! Und dann griff der Herrenmensch stattdes

Sich irgendeinen Juden aus der Reihe raus und brüllte: „So

Dann eben du!“ und schob den falschen Vater und den Sohn

Mit in die Masse der zum Tod Bestimmten. (…)

(..) ja, ich hätte auch geschrien

Wie unsre jungen Kämpfer, als beratschlagt wurde und beschlossen: Nie!

Nie lassen wir uns schlachten. Wenn schon, dann Tamut Nafschi!

Die sollen alle mit uns hops gehen, wo sie uns massakriern

In der Ukraine und in Litau’n, in Wolhynien, in Lublin

Und hat der letzte Jude wenigstens noch einen Mörder umgebracht

Dann rettet er damit sein Volk. Man kann nämlich ein ganzes Volk

Das ausgerottet ist, noch retten. Also rettet, hab‘ ich ihnen zugeredt‘.

Ich hab die jungen Leute angestachelt, angefeuert und bestärkt

Und das nicht nur sie, das hat mich selbst auch stark gemacht

Jizchak Katzenelson:
Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk.
S. 149, 135, 147, 143

12

Wir redeten (…) darüber, warum bei Hinrichtungen keine Panik ausbrach; und das ist eigentlich, ins Positive gewendet, die Frage, warum es keinen Widerstand gab. In dieser Frage steckt zugleich die Forderung, daß es ihn hätte geben sollen. Ich sagte, ich hätte immer gefunden, es sei eine Unverschämtheit von den Lebenden, von den Ermordeten noch ein bestimmtes Benehmen während des Sterbens zu verlangen, etwas, das ihren Mord für uns erträglicher macht, heroische Gesten eines nutzlosen Widerstands oder märtyrerhafte Gelassenheit. Sie starben nicht für uns, und wir, weiß Gott, leben nicht für sie.

Ruth Klüger: weiter leben. S. 96

13

Nasrin widersetzt sich Mullahs

(..) Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Taslima Nasrin hat die Regierung in Bangladesh aufgefordert, die wegen Blasphemie gegen sie angestrengten Verfahren niederzuschlagen. „Ich habe nur die Wahrheit gesagt, und das werde ich auch weiterhin tun“, sagte Nasrin (…). Sie beharre auf ihrem Recht zur freien Meinungsäußerung. Einer Aufforderung der Mullahs, sich zu entschuldigen, werde sie nicht folgen (…).

Frankfurter Rundschau 14.Oktober 1998

Das Leben danach

14

Meine Frau war in Bergen-Belsen. Aber sie kann nicht davon sprechen. Sogar mir hat sie noch kein Wort darüber erzählt. Wie muss sie gelitten haben. (…) Jetzt im Alter, ist es schwer. Jetzt habe ich Zeit, jetzt erinnere ich mich der Kindheit der Lagerzeit – und weine und weine. (…) Ich habe Auschwitz nie verlassen. Ich kehre jede Nacht dorthin zurück.

Sevenk Krotoschinsky. In: FR 24.1.1995

15

Seither trage ich eine namenlose Trauer und Enttäuschung in mir, eine bodenlose Verzweiflung, denn in dieser Nacht habe ich gesehen, wie ernste, gefasste jüdische Kinder voll unausgesprochener Worte und Träume in die Finsternis gingen, bevor sie von den Flammen verzehrt wurden. Ich sehe sie vor mir: Wie sollte ich nicht die Mörder und ihre Gehilfen verfluchen und die gleichgültigen Zuschauer, die Bescheid wussten und schwiegen, wie sollte ich nicht die Schöpfung verfluchen, die Schöpfung und diejenigen, die sie verdorben und entstellt haben? Ich möchte weinen, schreien wie ein Wahnsinniger, damit die Welt, diese Welt der Mörder, weiß, dass ihr niemals verziehen wird.

Noch heute bin ich jedes Mal erschüttert, wenn mein Blick ein Kind trifft. Ich sehe andere Kinder hinter ihm. Hungrig, entsetzt und blutleer gehen sie der Wahrheit und dem Tod – die vielleicht dasselbe sind – entgegen. Sie blicken sich nicht um. Sie jammern nicht, sie widersetzen sich nicht, sie bitten niemanden um Erbarmen. Es ist, als hätten sie genug vom Leben auf dieser grausamen, verkommenen und hasserfüllten Welt, wo noch ihre Unschuld sie zum Tode verurteilt. Leugnen Sie es nicht, ich verbiete es Ihnen, und nehmen Sie es hin, dass die Welt, die zuließ, dass der Schlächter eineinhalb Millionen jüdischer Kinder vernichtete, ihren Teil der Schuld trägt.

Elie Wiesel: Alle Flüsse fließen ins Meer. S. 120

16

Haftbefehl gegen Chiles Ex-Diktator Pinochet in London aufgehoben (…)

Das höchste Londoner Zivilgericht hat entschieden, dass der Haftbefehl gegen den chilenische Ex-Diktator Augusto Pinochet wegen der Immunität, die er sich selber angemaßt hat, aufgehoben wird. Freilich bleibt die Möglichkeit einer Revision gegen dieses Urteil. Und damit auch die Chance, dass Pinochet verurteilt wird. (…)

Die Botschaft Pinochets lautete: Ich habe nichts oder fast nichts gewusst. Wo Übergriffe geschehen sind, ist es die Schuld untergeordneter Stellen, für die ich keine Verantwortung trage. Die meisten Sachen, die berichtet werden, sind Märchen. Wenn tatsächlich etwas geschehen ist, dann im Kampf, den man nicht kontrollieren kann. Die Dinge, die man uns vorwirft, haben in Wirklichkeit unsere Gegner begangen. Die Menschenrechtsfrage ist Produkt einer Kampagne, die schon am Tag des Putsches gegen uns gestartet wurde. Deshalb habe ich ein reines Gewissen.

taz. 4.11.1998

17

“Ein Sieg für die Wahrheit und die Menschenrechte“ (…)

Südafrikas Wahrheitskommission hat ihren Abschlußbericht veröffentlicht (…). Bei der offiziellen Übergabe des fünfbändigen, 3 500 Seiten umfassenden Berichts an Mandela sagte Tutu, die Wahrheit sei nicht zu unterdrücken. „Viele Leute haben versucht, den Bericht schon im voraus zu diskreditieren“, so der (…) Friedensnobelpreisträger, „aber das wird an den Tatsachen nichts ändern.“ Mandela (…): „Ich akzeptiere diesen Bericht, so wie er ist (…).“ Damit hat die Wahrheitskommission uns ein Instrument gegeben, um uns miteinander zu versöhnen.“

Frankfurter Rundschau. 30. Oktober 1998

Für wen?

18

Für wen schreib ich das hier eigentlich? Also bestimmt schreib ich es nicht für Juden (…), ich schreib es für die Deutschen. Aber seid ihr das wirklich? Wollt ihr wirklich so sein? Ihr müsst euch nicht mit mir identifizieren, es ist mir sogar lieber, wenn ihr es nicht tut; und wenn ich euch „artfremd“ erscheine, so will auch das hinnehmen (aber ungern) und, falls ich euch durch den Gebrauch dieses bösen Wortes geärgert habe, mich dafür entschuldigen. Aber lasst euch doch mindestens reizen, verschanzt euch nicht, sagt nicht von vornherein, das gehe euch nichts an oder es gehe euch nur innerhalb eines festgelegten, von euch im voraus mit Zirkel und Lineal säuberlich abgegrenzten Rahmens an, ihr hättet ja schon die Photographien mit den Leichenhaufen ausgestanden und euer Pensum an Mitschuld und Mitleid absolviert. Werdet streitsüchtig, sucht die Auseinandersetzung.

Ruth Klüger: weiter leben. S. 141

Mehr Informationen

Lesetips

  • Trepp, Leo: Die Oldenburger Judenschaft. Oldenburg 1973
  • Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. München 1986
  • Goertz, Dieter: Juden in Oldenburg 1930 – 1938. Oldenburg 1988
  • Loth, Heinz-Jürgen: Judentum. Göttingen 1989
  • Klüger, Ruth: weiter leben. Göttingen 1992
  • Scholl, Inge: Die Weiße Rose. Frankfurt/M. 1993
  • Spiegelmann, Art: Maus I und II. Reinbek 1993
  • Begley, Louis: Lügen in Zeiten des Krieges. Frankfurt/M. 1994
  • Katzenelson, Jizchak: Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Köln 1994
  • Heinsohn, Gunnar: Warum Auschwitz? Reinbek 1995
  • Lustiger, Arno: Zum Kampf auf Leben und Tod! München 1997
  • Wiesel, Elie: Alle Flüsse fließen ins Meer. Hamburg 1997
  • Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus? Bonn 2004
  • Schoeps, Julius / Schlör, Joachim (Hrsg.): Antisemitismus. Frankfurt/M. o.J.