Das "Unsägliche, das in Auschwitz kulminierte" (Adorno), ist der Niederschlag einer Ideologie und einer Politik, in denen sich der Wille der Deutschen ausdrückt, die Erde nicht mit dem jüdischen Volk, mit Sinti und Roma und mit einer Reihe anderer Volksgruppen zu teilen - als ob je ein Mensch oder ein Volk das Recht gehabt hätte, zu entscheiden, wer die Erde bewohnen soll und wer nicht. Über 1 Million Juden sterben in Auschwitz-Birkenau - durch Arbeit, durch Hunger, durch Mißhandlung, durch das Gas. Und auf dieselbe Weise sterben weitere Hunderttausende von Menschen - unter ihnen eine halbe Million Sinti und Roma - einzig und allein wegen ihrer Geburt. "Entscheidend ist, dass Sinti und Roma wie Juden vom Säugling bis zum Greis nur aufgrund ihrer bloßen Existenz zu Opfern einer staatlich organisierten Mordpolitik wurden, die sich bis heute allen historischen Vergleichen entzieht." (Rose). Für Sinti und Roma gilt "damals der gleiche Befehl" (Ohlendorf) wie für die Juden. Auch das Personal ist identisch: Der Technokrat des Holocaust, SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, spielt bei der Vernichtung der Sinti und Roma "genau die gleiche Rolle" (Arendt) wie bei der Vernichtung der Juden. Die Öffentlichkeit allerdings hat den Genozid an den Sinti und Roma jahrzehntelang nicht zur Kenntnis genommen. Mittlerweile hat die Bundesrepublik die Ermordung der 500 000 Sinti und Roma durch den Nationalsozialismus als Völkermord anerkannt. Bundesaußenminister Fischer hat diese Position auf der Antirassismus-Konferenz von Durban noch einmal bestätigt. Und trotzdem heißt es heute immer noch: "Nehmt die Wäsche von der Leine; die Zigeuner kommen!" Weltweit werden Sinti und Roma als Menschen minderer Wertigkeit aus der Gemeinschaft der Menschen ausgestoßen, beleidigt und erniedrigt. Nach dem Kosovo-Krieg werden Roma zu Tausenden aus ihrer Heimat vertrieben, mißhandelt und ermordet. Viele Roma können, wenn sie die Übergriffe überleben, nur mit der Kleidung, die sie auf dem Leibe tragen, entkommen (GfbV 1999). Die tschechische Stadt Usti nad Labem isoliert ein Roma-Viertel durch eine 1,80 Meter hohe und 62 Meter lange Mauer (FR 14.10.1999). Der Europarat hat Rumänien wegen der fortgesetzten Brutalität der rumänischen Polizei im Umgang mit Sinti und Roma gerügt (FR 11.1.2001). Belgien erhält vom Europäischen Menschenrechtsgerichtshof einen Verweis wegen der unrechtmäßigen Abschiebung von Sinti- und Roma-Familien zurück in die Slowakei, wo sie von Skinheads bedroht worden waren (FR 6.2.2002). Das gleiche Bild vor unserer eigenen Haustür: Bei den Entschädigungszahlungen für Opfer des Nationalsozialismus stehen Sinti und Roma am Ende der Reihe (FR 21.12.2001). Sinti und Roma dürfen in Offenbach weder das Waldschwimmbad betreten noch in bestimmten Geschäften einkaufen (FR 15.9.2001). Im brandenburgischen Wildau verüben Unbekannte einen Brandanschlag auf einen Wohnwagen-Platz der Roma (FR 31.7.2001). Dieser alltägliche Rassismus verwehrt den Gescholtenen und Geschlagenen ihre Menschenrechte und ihre Menschenwürde. Das betrifft jeden einzelnen Sinto und jede Romni, aber es betrifft auch uns alle. Denn dieser Rassismus ist zugleich eine Bedrohung unserer rechtsstaatlichen Demokratie, unserer politischen Kultur und unserer humanistischen Zivilisation. Die rechtsextremistischen Ausfälle der jüngsten Vergangenheit sind dafür Beleg genug. Es ist hohe Zeit, dass Sinti und Roma endlich dieselben Menschenrechte und dieselbe Menschenwürde leben können, wie andere Mitglieder der Menschheit auch. Es ist hohe Zeit, dass Sinti und Roma endlich ihr angestammtes "Recht auf Rechte" (Arendt) wahrnehmen können; hohe Zeit, ihnen endlich das "Recht jedes Menschen, zur Menschheit zu gehören" (Arendt) zu lassen. Dafür sind wir alle verantwortlich; Frieden, Freiheit und Glück stellen sich nicht von selbst ein; Humanitas kann nur die Menschheit selbst garantieren. Mit der Ausstellung "Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma" und mit unserer heutigen Veranstaltung wollen wir mithelfen, die Lücke ein wenig zu schließen. Wir wollen durch die Erinnerung an den Völkermord der Faschisten an den Sinti und Roma ein wenig dazu beitragen, dass "dieses schwarze Loch der Geschichte namens Birkenau" (Wiesel), "dass Auschwitz nicht noch einmal sei" (Adorno). Und wir wollen uns dafür einsetzen, dass heute und in aller Zukunft Sinti und Roma genau wie Juden und Kurden und Afghanen ein selbstverständlicher Teil der Menschheit sind. "Damit dieser Planet ein Ort bleibt, wo Menschen wohnen können." (Arendt).
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